In circa zwei Monaten kommt meine Austauschpartnerin. Ich freue mich, doch ich bin auch aufgeregt, da ich noch gar nichts über sie weiß. Ist sie nett? Haben wir dieselben Interessen?
Das sind Fragen, die mich beschäftigen, wenn ich an ihren Besuch denke. Doch vor lauter Vorbereitungen bleibt dafür nicht oft Zeit. Jede Woche treffen wir uns mit Herr Pöschl und sprechen über die Unterschiede der beiden unterschiedlichen Kulturen und was uns noch in diesem Austauschprojekt erwartet. Diese Treffen sind immer lustig und machen uns gespannt auf die Zeit mit den Indern. Außerdem müssen wir einen bayerischen Tanz lernen, den wir vor ihnen aufführen.
Doch jetzt soll es gar nicht mehr um mich und die Vorbereitungen gehen, sondern um meine Eltern, die sich auch schon sehr auf die Zeit mit meiner Austauschpartnerin freuen. Deswegen habe ich ihnen ein paar Fragen über den Indienaustausch gestellt:
Neunzehn Schüler des Turmair-Gymnasiums haben sich angemeldet um am Austauschprojekt mit der Lotus Valley International School teilzunehmen. Sie alle trafen sich diese Woche das erste Mal um mehr über unser Projekt zu erfahren. Doch anstatt des üblichen „Bitte aufstehen! Guten Morgen!“ begrüßte sie der Projektleiter Wolfgang Pöschl mit kleinen Zettelchen, die in der Gruppe verteilt wurden. Auf den Zetteln waren verschiedene Begrüßungsrituale beschrieben und kurz darauf stolzierten die Schüler durch den Raum, schüttelten Hände, berühren den Fuß des Gegenübers oder pressten ihre Nasen aneinander. Einige dieser Rituale führten zur Belustigung, andere dagegen zu peinlichen Momenten und spontanem Erröten.
Herr Pöschl erklärt: „Was in manchen Ländern üblich ist, ist bei uns ungebräuchlich. Und genauso wie ein neuseeländischer Hongi uns überrascht und eventuell sogar erröten lässt, kann ein Händedruck oder eine Umarmung einen indischen Schüler verwirrt zurücklassen.“ Beim Austausch gilt es nun, diese kulturellen Unterschiede zu erkennen und darauf zu reagieren um Missverständnisse so weit wie möglich auszuschließen.
Die deutschen Austauschschüler notieren ihre Assoziationen zu Indien an die Tafel.
Um weitere Problemfelder zu erkennen, schrieben die Teilnehmer Wörter an die Tafel, die sie mit Indien assoziieren und diskutierten anschließend darüber, was wohl die indischen Schüler an die Tafel schreiben, wenn sie sich auf Deutschland vorbereiten.
Doch auch ganz praktische Übungen prägte das erste Treffen. Zum einen wurden die ersten Worte auf Hindi geübt, zum anderen wurde verabredet, bis zum nächsten Treffen einen Steckbrief auszufüllen, um so schnell wie möglich die Partnerzuweisung mit den neuen indischen Freunden abschließen zu können.
Der
Automobilhersteller Henry Ford hat einst gesagt „Wer nicht wirbt, stirbt!“
Mit seinem Zitat bezieht Ford sich auf Unternehmen, die zugrunde gehen würden,
wenn sie sich durch Werbung nicht die Gunst der Kunden sichern würden. Dieses
Zitat trifft aber auch auf unseren Indienaustausch zu. Ohne Werbung um neue Austausch-Teilnehmer
könnte auch unser Indien-Projekt schneller „sterben“, als uns lieb sein könnte.
Damit der
Austausch kein so drastisches Ende nimmt, fand in der Turnhalle des
Turmair-Gymnasiums eine Werbeveranstaltung für sämtliche 9. Jahrgangsstufen statt.
Ziel war es, den Schülern unseren einmaligen Austausch vorzustellen, sämtliche Fragen
zu beantworten und vor allem falsche Vorurteile über Indien richtig zu stellen.
Gute Werbung gibt es nicht für umsonst. Die Gestaltung einer guten Präsentation darf daher schon einiges an Zeit in Anspruch nehmen.
Mit Hilfe
einer Diashow und einigen kurzen Videos wurde den Schülern die Partnerschule,
die Stadt Noida und die kulturelle Vielfalt Indiens näher gebracht. Auch das
neue Projektmotto „Media rules!“
wurde in groben Zügen umrissen. Die eigentliche Werbung fand aber durch
ehemalige Indien-Teilnehmer statt, die extra für diese Veranstaltung ihre
Freistunde geopfert haben. Sie konnten viel authentischer als jeder Lehrer ihre
Faszination und Begeisterung für Indien zum Ausdruck bringen. Sie berichteten mit
leuchtenden Augen von ihren Gastfamilien, dem Essen, den Sehenswürdigkeiten,
aber auch von all den kleinen Überraschungen und Missverständnissen, die einen
Austausch so aufregend und lehrreich machen.
Eine ganze
Schulstunde lang wurden Fragen gestellt, an Hand von Bildern die Götterwelt
oder der Schulalltag erklärt und auch unser Blog als Informationsquelle
angepriesen. Und am Ende der Werbeveranstaltung waren einige Schüler tatsächlich
überzeugt, dass der Indienaustausch doch mehr ist, als „nur wieder ein weiterer
Klassenausflug“.
Hier geht’s zum Elternabend.
Doch für den Austausch darf nicht nur bei den Schülern geworben werden. Auch die Eltern wurden – wie bereits beim letzten Austauschprojekt – in einem eigens abgehaltenen Elternabend umworben. Knappe zwei Stunden wurden sämtliche Fragen der ca. 40 Teilnehmer beantwortet. Und auch hier war es wieder von Vorteil, eine ehemalige Teilnehmerin sprechen zu lassen. Ihre unverfälschten Aussagen überzeugten mehr Elternteile, als es die farbenprächtigen Bilder der Lehrkraft je geschafft hätten.
Und wird der Austausch nun sterben? Wohl kaum! Dank der Werbeveranstaltungen haben sich bereits 17 Schüler bereit erklärt beim Projekt mitzumachen. Die Anmeldefrist endet morgen und der Austausch kann in die nächste Runde gehen.
Nur noch einmal schlafen und das Abenteuer in einer mir heute noch unbekannten Kultur beginnt.
Gerade bin ich mit dem packen meiner Sachen fertig geworden. Die Gastgeschenke sind eingepackt und natürlich auch meine Lederhose. Nach anfänglichen Problemen mit dem Gewicht von meinem Gepäck (meine Mutter war schon nahe der Verzweiflung ) haben wir es doch noch geschafft. Es sollte alles für zwei aufregende Wochen in Indien verstaut sein.
Als Abendessen gab es heute „Butter Chicken“ zur Eingewöhnung. Dank der von meinem Austauschschüler und Freund DJ bei seinem Besuch in Straubing mitgebrachten Gewürzen konnte meine Mutter ein wirklich leckeres Abschiedsessen auf den Tisch zaubern.
Trotz der von Herrn Pöschl wirklich cool gemachten Vorbereitungsveranstaltungen merke ich wie meine Aufregung langsam steigt.
Was erwartet mich in Indien? Ich bin wirklich gespannt auf dieses Land und dessen Kultur.
Da sich jedoch die Vorgaben für ein Austauschgruppe ständig ändern und das einen Lehrer schier zur Verzweiflung treiben kann, hat der zuständige Konsul des Indischen Generalkonsulats in München die aktuellen Regelungen noch einmal zusammengefasst und am 1. Oktober 2018 an zahlreiche Schulen versandt.
Nach mehr als fünf Jahre Indienaustauscherfahrung müsste man meinen, dass die alljährlichen Aufgaben immer leichter von der Hand gingen. Doch manchmal wird man, trotz aller Routine, Jahr für Jahr von Neuem auf die Probe gestellt. So auch beim Visaantrag für unser Deutsch-Indisches-Austauschprojekt.
Wie jedes Jahr machte ich mich nach den Sommerferien nach München auf, um dort beim zuständigen Servicebüro die Anträge für das Indienvisum abzugeben. Anders als bei den Touristenvisa, die online beantragt und auch gleich ausgedruckt werden können, muss man beim Schüleraustausch einen mehrseitigen Antrag ausfüllen, bei dem die eigene Vergangenheit und die der Eltern penibel abgeprüft wird. Die Schüler waren jedoch gut vorbereitet und alle Anträge waren sorgsam ausgefüllt, unterschrieben und mit Bildern der richtigen Größe versehen. Daher war ich noch guten Mutes, als ich dem Sachbearbeiter freudestrahlend den Packen Reisepässe und Visaanträge überreichte. Ein kurzes Stutzen und anschließendes Augenrollen seinerseits ließ jedoch auf nichts Gutes hoffen.
Ein deutscher Reisepass
„Tut mir Leid, alles falsch! Sie müssen noch einmal kommen!“ erklärte mir freudestrahlend der Mitarbeiter. „Sie haben ja alle ein Entry-Visum beantragt!“ Nun muss man erklären, dass es für einen Indienaufenthalt mehrere Visum-Arten gibt, deren Anträge sich ausschließlich im Ankreuzen eines anderen Kästchens unterscheiden. Vor drei Jahren mussten z. B. alle Schüler noch „Student-Visa“ auswählen; dies wurde jedoch ohne Angabe von Gründen auf „Entry-Visa“ geändert. Was sollte also falsch sein?
Während der Planung und Durchführung der letzten Austauschprojekte mit unserer Partnerschule in Noida habe ich immer wieder versucht, die teilnehmenden Schüler bestmöglich auf die Begegnung mit der fremden, indischen Kultur vorzubereiten. Dazu trafen wir uns in den ersten Jahren wöchentlich und schauten uns Lehrfilme an, lauschten Referaten und übten uns sogar in kleinen Rollenspielen. All dies ist und war richtig und wichtig, denn ohne interkulturelle Vorbereitung ist ein Austauschprojekt dieser Größenordnung zum Scheitern verurteilt. Und doch gilt es – wie so oft im Leben – auch bei der Vorbereitung das richtige Maß zu finden.
All zu viel ist ungesund! Omne nimium nocet!
Manchmal kann man auch zu viel planen.
Teilt man den Schülern mit, dass ihr Traum von einer Austauschteilnahme Wirklichkeit wird, so setzt soft überschwängliche Begeisterung ein. Echte Freude macht sich breit und man kann es kaum erwarten, sich mit dem jeweiligen Partner aus dem Ausland in Verbindung zu setzen.
In den gemeinsamen Sitzungen wird das allgemeine Hochgefühl doch jäh gedämpft: „Denkt daran, dass Körperkontakt in Indien einen anderen Stellenwert hat als in Deutschland!“ „Vergesst nicht, euer Frageweise umzustellen, damit man den Gast nicht zu einem unhöflichen ‚Nein‘ zwingt!“ „Denkt daran, dass die Essenszeiten in Indien und in Deutschland unterschiedlich sind!“ Dies sind nur einige mahnenden Sätze, die ein Schüler im Vorfeld von der betreuenden Lehrkraft zu hören bekommt. „Darf’s auch a bisserl mehr sein? Nein danke, es passt schon!“ weiterlesen