Eingeladen in Indien – Please come to my home for dinner

„Please, you have to come to my home tomorrow to have dinner with my family!“
Mit so einem harmlosen Satz beginnt es: Man ist plötzlich bei einer indischen Familie eingeladen. Und damit beginnt ein lange gepflegtes Ritual, das schon damit anfängt, dass man oft gar nicht direkt zu seinem Gastgeber fahren kann, weil er in einer sogenannten „gated community“ lebt.

Daher fährt man gegen 19:00 Uhr zu einem der bewachten Tore, durch die man die jeweiligen umzäunten Siedlungen betritt. Eine solche Siedlung besteht entweder aus mehreren Hochhäusern oder ist tatsächlich eine aus mehreren Querstraßen bestehende, dorfähnliche Anlage. Am Tor wird man dann von einem Wachmann aufgehalten, der wissen möchte, wohin man will, ungebetene Besucher abweist, aber Gästen bereitwillig den oft verwinkelten Weg zu der gesuchten Wohnung beschreibt. Das Auto stellt man gewöhnlich außerhalb der Anlage am Straßenrand ab.

Wer bei Indien nicht auch an Kuchen denkt, der kennt das Land nicht gut genug.
Wer bei Indien nicht auch an Kuchen denkt, der kennt das Land nicht gut genug.

An der Wohnung angekommen, übergibt man dem Gastgeber – ähnlich wie in Deutschland – ein kleines Geschenk. Meist ein Stück gekauftes Gebäck (ein ganzer Kuchen für ca. 500 Rupien), kunstvoll verpackte Süßigkeiten oder Nussmischungen. Nachdem der Gastgeber einem versichert hat, dass dies ja gar nicht notwendig sei, sich ein wenig ziert und das Geschenk schließlich dankend annimmt, wird man in den Drawing Room geführt.

Kein Essen - nur ein Snack
Kein Essen – nur ein Snack

Der Drawing Room (vom englischen to withdraw, sich zurückziehen) besteht meist aus einer Sitzgruppe, die sich gleich im Eingangsbereich neben der Haustüre befindet. In Deutschland würde man hier die Garderobe vermuten; in Indien steht hier zumindest eine kleine Bank. Meist finden jedoch ein Sofa, Stühle und niedrige Tische ihren Platz.

Die Gespräche entwickeln sich, und die Zahl der in Schüsseln dargebotenen Speisen nimmt zu: In Teig herausgebackenes Gemüse, Salat, gebackener Käse, Linsengerichte, Samosas, Momos. Bereitwillig wird einem erklärt, aus welchem Bundesstaat die eine oder andere Köstlichkeit stammt, und man doch noch etwas mehr nehmen sollte. Kaltspeisen, heiße Speisen, “veg or non veg”, je nach Tradition des Gastgebers. Die Teller füllen und leeren sich, es ist eine wahre Freude sich durch diesen Dschungel von indischen Gaumfenfreuden hindurch zu essen. Nicht zu vergessen, die Süßigkeiten, die weiterhin angeboten werden.

Das Ritual beginnt: Akt 1 – während man die im drawing room sorgfältig platzierten Mitbringsel aus Urlaubsreisen bewundert, werden einem Getränke angeboten. Man bietet Wasser oder Saft an, gelegentlich auch Alkohol, wenn man weiß, dass der Gast trinkt. In Indien ist es jedoch viel häufiger als in Deutschland, dass man überhaupt keinen Alkohol zu sich nimmt. Die Gläser werden gefüllt und jedem einzelnen Gast umständlich auf einem Tablett gereicht. Und noch bevor man überhaupt einen Schluck zu sich nehmen konnte, nähert sich das Tablett wieder – diesmal gefüllt mit Knabbereien, Nüssen oder Keksen, gefolgt von der höflichen Nötigung, doch etwas davon zu kosten.

Hätte ich das nur vorher genau durchgelesen
Hätte ich das nur vorher genau durchgelesen

Gegen 21:00 Uhr fragt man sich langsam, ob Kurtas wohl deshalb so großzügig geschnitten sind, damit der Bauch nach all dem Essen nicht zu sehr auffällt. Und genau in diesem Moment wird man – völlig überraschend – zum eigentlichen Abendessen an den Haupttisch gebeten.

Nur noch eine Kleinigkeit.
Nur noch eine Kleinigkeit.

Indienanfänger verzweifeln hier, da sie dachten, dass all die Köstlichkeiten bereits das Abendessen waren. Doch weit gefehlt, es folgt ein Cresscendo des Mahlzeiten. Auf der einen Seite ist es ein typisches, wie auch in Deutschland ablaufendes Abendessen – nur mit dem Unterschied, dass anscheinend für jeden eine ganze Vorlegeschüssel zubereitet wurde.

Zusätzlich wir einem gerne noch ein weiteres Stück Roti oder Fleisch auf den Teller gelegt wird, nachdem man zum dritten Mal seinen Teller geleert und versichert hat, jetzt aber bestimmt endgültig nichts mehr essen zu können.

Das Dessert beendet die Völlerei. Inder haben es irgendwie geschafft, fast nichts zu essen, während der naive Europäer mindestens drei volle Mahlzeiten (und Dessert) zu sich genommen hat. Eigentlich könnte man sich nach dem ganzen Stress entspannen, doch mit dem Dessert endet auch der Abend. Es sei spät, es war schön, und man müsse das Ganze doch mal wiederholen:
„Please, you have to come to my home tomorrow to have dinner with my family!“

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